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Handschriften für alle – 10 Jahre e-codices

8. Januar 2015, Author: buchstadt
08.01.2015

Handschriften für alle – 10 Jahre e-codices

E-codices, das Schweizer Projekt zur Digitalisierung von Handschriften, feiert sein 10jähriges Jubiläum. Gedruckte Bücher in digitaler Form zum Lesen am Bildschirm aufzubereiten: Was uns heute ganz selbstverständlich scheint, war 2005 eine absolute Pionierleistung – und von Anfang an eng mit der Stiftsbibliothek St.Gallen verbunden. Dank ihrer weitherum einzigartigen Sammlung stammt beinahe die Hälfte der heute digital verfügbaren Handschriften aus St.Galler Beständen. E-codices ist nicht nur zu einem unverzichtbaren Werkzeug für die Forschung geworden, sondern hat auch den Zugang zu Handschriften radikal demokratisiert.

Lange Zeit waren Handschriften etwas Elitäres: Neben wenigen Institutionen wie der Stiftsbibliothek St.Gallen und der Fondation Martin Bodmer in Cologny bei Genf, wo ausgewählte Handschriften in sicheren Vitrinen der Öffentlichkeit präsentiert wurden, war der Zugang einigen Wissenschaftlern vorbehalten. Sie durften auf Anmeldung hin einen Blick auf die Schätze werfen, die ansonsten bei kontrollierten klimatischen Verhältnissen unter Verschluss gehalten wurden. Selbst Mediävistik-Studierende hatten meist erst im Rahmen ihres Dissertationsprojekts erstmals Kontakt mit den Primärquellen.

2005 wurde an der Universität Fribourg das Pilotprojekt «Digitale Stiftsbibliothek St.Gallen» ins Leben gerufen, als erste digitale Bibliothek der Schweiz. Bei der Finanzierung spielten ausländische, allen voran US-amerikanische Stiftungen von Beginn weg eine tragende Rolle. Wie sich Christoph Flüeler, Gründer und Leiter von e-Codices und Professor für Historische Hilfswissenschaften und Mittellatein, erinnert, hatten viele Stiftungen für ein solches Projekt noch gar keine passende Kategorie. Dennoch ist es immer wieder gelungen, Fördermittel und Stiftungen zu finden, insgesamt über 6.7 Millionen Franken bis heute. Auch der Schweizerische Nationalfonds (SNF) und die Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen sind mit an Bord.

Das forschungszentrierte Projekt zog auch rasch ein Interesse der breiteren Öffentlichkeit auf sich, sowohl im In- wie im Ausland. Die viersprachige Website e-codices.ch verzeichnet heute jährlich mehrere Millionen Zugriffe aus 199 Ländern – eine wahrlich globale Ausstrahlung weit über Forscherkreise hinaus. Durch den digitalen Zugang ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Quellen intensiver geworden, die e-codices sind ein unentbehrliches, ergänzendes Hilfsmittel geworden. Während sich in der hochaufgelösten digitalen Reproduktion gewisse Details eröffnen, die von blossem Auge nicht erkennbar wären, lassen sich andere Aspekte gemäss Christoph Flüeler nur am Original erforschen: «Das Original ist und bleibt ein Objekt mit vielen Geheimnissen.» So hat denn auch die Nachfrage nach Handschriften-Konsultationen nicht abgenommen, wie Stiftsbibliothekar Cornel Dora bestätigt. Die Forscherinnen und Forscher haben sich aber dank der e-codices bereits im Vorfeld intensiv mit den entsprechenden Handschriften auseinandergesetzt und kommen mit sehr präzisen Fragestellungen. Parallel zur Digitalisierung sind die Standards in der Konservierung der Handschriften laufend gestiegen, der Umgang wird immer klinischer und vorsichtiger.

Mit 1233 Handschriften aus 51 Bibliotheken enthält die digitale Bibliothek e-codices die schönsten und bedeutendsten Handschriften der Schweiz sowie wertvolle Schätze aus dem Ausland. Dazu gehörten auch die rund 400 vor dem Jahr 1000 entstandenen Codices aus der Stiftsbibliothek St.Gallen, dem wichtigsten Kooperationspartner des Projekts. Besonders interessant ist e-codices aber auch für kleinere Bibliotheken und Sammlungen, die so zu Publizität gelangen können. Nicht zuletzt konnten durch e-codices etliche Privatsammlungen für die Forschung (und auch die Öffentlichkeit) erschlossen werden.

Rund 7500 mittelalterliche Handschriften lagern nach Schätzungen in öffentlichen, kirchlichen und privaten Bibliotheken in der Schweiz – e-codices kann also noch weiter wachsen. Allein im 2015 sollen weitere 200 Handschriften online gestellt werden. Darüber hinaus soll unter dem Namen «Fragmentarium» ein digitales Laboratorium für mittelalterliche Fragmentenforschung aufgebaut werden. In Zusammenarbeit mit den renommiertesten Bibliotheken, darunter die Bibliothèque Nationale de France, die British Library und die Vatikanische Apostolische Bibliothek, sollen handschriftliche Fragmente auf einer weltweit zugänglichen Plattform zusammengetragen, verglichen und so in neue Zusammenhänge gebracht werden. Wir sind gespannt auf die Entwicklung dieses Projekts, das nicht nur für die Forschung, sondern auch für interessierte Laien viel Potential birgt!

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