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Mitglieder im Gespräch

«Ein Verlag muss auch eine gesellschaftliche Rendite schaffen»

9. Januar 2015, Author: buchstadt
09.01.2015

«Ein Verlag muss auch eine gesellschaftliche Rendite schaffen»

Buchstadt-Mitglieder im Gespräch

Die St.Galler «Buchlandschaft» ist vielfältig, mehrschichtig und wird durch verschiedenste Akteure geprägt. In dieser Rubrik stellen wir in loser Folge Aktivmitglieder des Vereins Buchstadt St.Gallen vor. Diesmal machten sich Claudius Krucker und Mark Besselaar von der Geschäftsstelle Buchstadt St.Gallen auf eine Expedition über verschneite Strassen nach Schwellbrunn, wo Marcel und Yvonne Steiner den neuen Sitz des Appenzeller Verlags einrichteten.

Per 1. Januar 2015 wird das Appenzeller Medienhaus aufgeteilt, dessen Gesamtleiter Sie, Herr Steiner, bisher waren: Die Druckerei Appenzeller Volksfreund übernimmt die Sparte Appenzeller Druckerei, die Redaktion der Appenzeller Zeitung wird direkt der Tagblatt-Zentralredaktion in St.Gallen unterstellt, und der bislang zum Medienhaus gehörende Appenzeller Verlag, inklusive der Marken Toggenburger Verlag und Edition punktuell, macht sich unter Ihrer Leitung selbständig. Ein mutiger Schritt in einer Zeit, in der viele Verlage ums Überleben kämpfen.

Dies höre ich derzeit von vielen Leuten – ob es wirklich so ist, müssen Sie mich in einem Jahr wieder fragen. Tatsache ist, dass es hier nicht um ein Startup geht, also den Aufbau eines komplett neuen Unternehmens, sondern um die Weiterführung eines funktionierenden Geschäfts als Management Buyout. Ich kenne die Branche und den Verlag – als Sparte im Medienhaus hat er die letzten 10 Jahren schwarze Zahlen geschrieben. Nicht zuletzt ging es auch darum, die zehn Arbeitsplätze zu erhalten – die wären sonst einfach verloren gegangen, der Verlag wäre geschlossen worden.

Auslöser für die Veränderungen war die Strategie der Tagblatt Medien bzw. der NZZ Gruppe insgesamt, sich auf die publizistische Tätigkeit zu fokussieren. Das Ergebnis ist sozusagen eine vertikale Desintegration. Sehen Sie die Trennung von Verlag und Druckerei eher als Vor- oder Nachteil?

Vor allem als Vorteil, denn als interner Kunde wird man oft nicht privilegiert behandelt. Nun hoffen wir, als ein wichtiger Druck-Kunde wahrgenommen zu werden. Wir bleiben ja noch mindestens zwei Jahre der Appenzeller Druckerei treu, auch unser Palettenlager befindet sich weiterhin in Herisau.

Per 1. Januar 2015 übernehmen Sie auch den bisher im innerrhodischen Oberegg beheimateten orte-Verlag. Neben Lyrik und Krimis war der orte-Verlag vor allem durch die gleichnamige Literaturzeitschrift bekannt. In welcher Form bzw. mit welchem Inhalt, wird diese weitergeführt und was passiert mit dem übrigen Verlagsportfolio?

Der orte-Verlag hat eine schwierige Zeit hinter sich: Virgilio Masciadri, der als Mitarbeiter bei orte den Verlag von Gründer Werner Bucher hätte übernehmen sollen, ist im Mai seinem Krebsleiden erlegen. Die Zeitschrift lebt von Freiwilligenarbeit und Zuschüssen. Mit einem Relaunch, verstärktem Marketing im Lesermarkt und auch einer besseren Bearbeitung des Inseratemarkts sehen wir da durchaus noch Potential, denn «orte» ist schweizweit eine bekannte Marke. Die Buchsparte Lyrik werden wir im bisherigen Rahmen weiterführen, die Finanzierung ist in diesem Bereich schwierig.

Die Sparte Krimis scheint beim Appenzeller wie beim orte-Verlag eine wichtige Stütze zu sein, auch unter finanziellen Gesichtspunkten.

Ja, die orte-Krimireihe ist für uns sehr interessant, sie ergänzt sich gut mit dem Appenzeller Verlag, wo Petra Ivanov mit ihren Krimis die Stütze des belletristischen Programms bildet. Überregionale Bekanntheit hat der Appenzeller Verlag auch mit einigen Biografien erlangt, vor allem mit derjenigen über Christoph Blocher, verfasst vom heutigen BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

Obwohl der Akzent des Appenzeller Verlags auf Publikationen in Zusammenhang mit dem Appenzellerland und dem Toggenburg liegt, haben Sie zum dritten Mal das Jahrbuch «Gallus-Stadt» herausgegeben und zum Beispiel auch das Buch über den Botanischen Garten der Stadt. Möchten Sie mit Ihrem Verlag in die städtische Verlagslandschaft vordringen?

Der Appenzeller Verlag hat sich schon immer als ein Ostschweizer Verlag verstanden und ist deshalb auch mit Publikationen über die Stadt St.Gallen vertreten. Das Jahrbuch «Gallus-Stadt» ist leider kein Renner. Wir setzen pro Ausgabe rund 300 Exemplaren ab. Das Toggenburger Jahrbuch verkauft sich zwar etwas besser, aber es sind auch hier keine berauschenden Absatzzahlen zu verzeichnen. Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ableiten, dass die Zeit der Jahrbücher vorbei ist und neue Formen der Chronikschreibung zu suchen sind – oder sich auftun werden. Wir hoffen aber, dass wir in Zukunft auch mit anderen Publikationen über die Stadt von uns reden lassen können.

Das klingt nach Expansion?

Nein, wir verfolgen keine explizite Wachstumsstrategie. Der Verlag hat eine optimale Grösse, und unser Ziel ist, ihn am Blühen erhalten. Das Periodika-Geschäft mit dem Appenzeller und dem Toggenburger Magazin sorgt zusammen mit den Kalendern für eine Grundauslastung und bildet eine gute Balance zum Buchgeschäft, das sehr volatil ist. Wir sind in der privilegierten Lage, dass wir den Management Buyout selber finanzieren konnten. Dadurch sind wir nicht den Renditeerwartungen von Publikumsaktionären ausgesetzt, bei denen die kulturelle und gesellschaftliche Rendite in den Hintergrund zu rücken drohen.

Sie betreiben gemeinsam das Kleintheater «Alte Stuhlfabrik» in Herisau. Dort wurde monatlich die BuchBühne des Appenzeller Verlags durchgeführt. Im Oktober 2014 haben Sie nun Bücher und AutorInnen des Verlags konzentriert während einer Woche präsentiert. Hat sich dieses neue Konzept bewährt?

Die Kombination von «BuchBühne» und «Bücherschau» ist gut aufgenommen worden, die Lesungen wurden je nach Autor bzw. Autorin unterschiedlich gut besucht. So waren bei der Lesung mit Hans Büchler («Der Alpstein») 120 Zuhörerinnen und Zuhörer anwesend. Die Idee der Bücherschau ist allerdings noch nicht ganz angekommen: Die Möglichkeit, in aller Ruhe im gesamten Verlagsprogramm schmökern zu können. Das muss sich noch etwas herumsprechen – im Oktober wird es dazu wieder Gelegenheit geben.

Die «Alte Stuhlfabrik» war bisher ein privates Engagement und wird nun 2015 in den Appenzeller Verlag integriert. Am Konzept wird sich aber nichts ändern. Einerseits wird diese Räumlichkeit vom Verlag für Lesungen und Buchpräsentationen genutzt. Ansonsten treten wir nicht als Veranstalter auf, sondern stellen nur den Raum zur Verfügung, vor allem auch als Probe- bzw. Werkstattbühne. So kann man die gesamte Bühneninstallation über Wochen belassen und muss sie nicht jedes Mal wieder aufbauen, während Theaterproduktionen einstudiert und aufgeführt werden. Solche Lokalitäten sind sehr gesucht, rechnen sich aber einer mit normalen Kalkulation nicht.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie sind auch bekannt als Wanderbuch-Autor. Kommen Sie bei so vielen Engagements überhaupt noch zum Wandern?

Das letzte Jahr leider gar nicht, das war ein «strubes» Jahr, und auch das Wetter hat nicht richtig mitgespielt. Für 2015 habe ich es mir aber fest vorgenommen…

Zur Person

Marcel Steiner, 1954, ist seit bald 40 Jahren publizistisch tätig. Nach einigen Jahren als Lokalredaktor und später Chefredaktor war er während 20 Jahren Geschäftsleiter der Appenzeller Medienhaus AG in Herisau und der Toggenburg Medien AG in Wattwil. Auf den 1. Januar 2015 gründete er zusammen mit seiner Frau Yvonne Steiner die Appenzeller Verlag AG, unter deren Dach der Appenzeller Verlag, der orte Verlag, der Toggenburger Verlag und edition punktuell vereint sind. Er ist Autor mehrerer Wanderbücher und Fotograf verschiedener Kalender.

Yvonne Steiner, 1955, studierte nach einer Ausbildung zur Sekundarlehrerin sprachlich-historischer Richtung an der Universität Zürich Theologie. Nach langjähriger Tätigkeit in der Gefängnisseelsorge und im Justizvollzug arbeitet sie heute als Lektorin. Auf den 1. Januar 2015 gründete sie zusammen mit ihrem Mann Marcel Steiner die Appenzeller Verlag AG, unter deren Dach der Appenzeller Verlag, der orte Verlag, der Toggenburger Verlag und edition punktuell vereint sind. Sie ist Autorin verschiedener Sachbücher.

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