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Mitglieder im Gespräch

Die Buchhandlung als Teil der Grundversorgung

9. Februar 2015, Author: buchstadt
09.02.2015

Die Buchhandlung als Teil der Grundversorgung

Charlotte Kehl, Bücher zum Turm, Bischofszell, zusammen mit Brigitta Vuilleumier und Clemens Lüthi, Gutenberg Buchhandlung, Gossau

Die St.Galler «Buchlandschaft» ist vielfältig, mehrschichtig und wird durch verschiedenste Akteure geprägt, die wir in loser Folge vorstellen. Diesmal geht es in die Region und es stehen die Buchhandlungen im Zentrum. Ein Gespräch mit Brigitta Vuilleumier, Clemens Lüthi (beide Gutenberg Buchhandlung, Gossau) und Charlotte Kehl (Bücher zum Turm, Bischofszell).

Buchändlerin bzw. Buchhändler zu sein, ist heute nicht mehr so motivierend, wie es einmal war. Der Markt ist hart umkämpft. Es gibt keine staatlich vorgeschriebene Preisbindung für Bücher mehr, und so ist es den Buchhändlern überlassen, mit welchen Preisen sie der Konkurrenz der «Buchhandelsketten» entgegentreten möchten. Macht es trotzdem Spass, eine Buchhandlung zu betreiben?

Da gibt es zwei Seiten. Einerseits ist man für alles zuständig, was in einer Buchhandlung anfällt, man hat lange Arbeitstage – und finanziell ist es immer eine Gratwanderung. Bücher zu verkaufen macht jedoch unglaublich viel Freude, es ist immer noch unser Traumberuf. Man trifft interessante Kunden, die man berät und mit denen man über dieses und jenes ins Gespräch kommt. Manchmal betrifft es die Bücher, manchmal sind es auch andere Themen. Das macht den Beruf interessant und erlebnisreich. Als lokale Buchhandlung, so wie wir sie in Gossau und Bischofszell betreiben, spüren wir den «Lokalgeist» und haben auch eine ausgeprägte soziale Funktion. Das schöne ist, dass man seine Kunden oft kennt und dementsprechend beraten kann. In grösseren Buchhandlungen mit vorwiegend «Laufkundschaft» dürfte das schwieriger sein. Und dass der Beruf erstaunlicherweise immer noch attraktiv ist, merken wir bei den Anfragen für Lehrstellen.

Buchhandlungen leben vor allem von institutionellen Buchkäufern, insbesondere Schulen und Bibliotheken. Von den Privatkäufern allein kann man keine Buchhandlung betreiben. Hat sich das Verhalten der Institutionen verändert, da diese ja auch zunehmend unter Kosten(spar)druck stehen?

Die Bestellungen von institutionellen Abnehmern bilden tatsächlich ein gewichtiges Standbein. In Gossau machen sie einen wesentlichen Bestandteil unseres Umsatzes aus. In Bischofszell ist der Anteil etwas geringer. Diese Kundschaft erwartet zu Recht einen Top-Service zu einem konkurrenzfähigen Preis. Da gehen wir schon manchmal bis an die Schmerzgrenze, denn Schulen und Bibliotheken sind gute und treue Kunden.

Buchhändler und Buchhändlerinnen müssen heute erfinderisch sein und nebst dem Bücherverkauf als Kerngeschäft noch so einiges anbieten, um auf sich aufmerksam zu machen. Welche Schwerpunkte haben Sie für das Jahr 2015 gelegt? Besteht eine Zusammenarbeit mit anderen Buchhandlungen in der Region?

Buchhandlungen in Kleinstädten wie Gossau oder Bischofszell sind wie Gemischtwarenläden. Wir müssen von allem etwas im Regal haben: Von Kochbüchern über Reiseführer und Glückwunschkarten bis zu den Büchern von Nobelpreisträgern und -trägerinnen. Also eher eine breite Themenfächerung als eine Spezialisierung. Wir haben beispielsweise nicht zehn Sachbücher über den Börsencrash oder den ersten Weltkrieg im Regal, sondern beschränken uns pro Thema auf einzelne Titel. Buchhandlungen in Städten können sich eher auf Spezialgebiete fokussieren. Wir stellen die Grundversorgung sicher. In dieser Hinsicht müssen wir kreativ, aber immer hellwach sein.

Eine Zusammenarbeit oder ein institutionalisierter Austausch unter den Ostschweizer Buchhandlungen findet eher sporadisch und dann fallweise statt. Man kennt sich, doch wir «beackern» unsere eigenen Gebiete und kommen einander auch nicht in die Quere. Zudem fehlt uns schlichtweg die Zeit, einen regen Austausch zu pflegen. Die meisten Veranstaltungen organisieren wir eigenständig oder in Zusammenarbeit mit ortsansässigen Institutionen, wie z.B. mit dem VitaTertia in Gossau, mit denen wir zum zweiten Mal das «LiteraTertia» durchführen, oder einfache Autorenlesungen kombiniert mit einer Verpflegung. Bücher zum Turm in Bischofszell macht zahlreiche Veranstaltungen mit Autoren, Szenische Lesungen mit 4-Gangmenü, einen Schreib-Wettbewerb, wir organisierten einen MarktgassMarkt und vieles mehr, um die Stadt kulturell zu beleben. Da sind noch viele gute Ideen, die auf ihre Umsetzung warten, aber oft geht das Alltagsgeschäft vor.

Leserinnen und Leser in der Deutschschweiz haben im vergangenen Jahr etwas mehr als 20 Millionen Bücher gekauft, rund 17 Millionen davon über den Schweizer Buchhandel. Zahlen aus Deutschland zeigen, dass der Online-Handel im letzten Jahr kaum mehr zugelegt hat. Ist da ein Hoffnungsschimmer am Horizont erkennbar, sucht man eine Beratung, die man sich online nicht holen kann?

Ob die Online-Buchkäufe auch in der Schweiz stagnieren, können wir nicht bestätigen, denn genaueres über das Online-Einkaufsverhalten wissen wir nicht. Was wir merken, ist, dass Kunden, die im Internet mit ihrem Anliegen nicht fündig geworden sind, sich als letzten Ausweg bei uns eingehend beraten lassen. Das ist in aller Regel sehr zeitaufwändig, aber immerhin schnuppern sie die Atmosphäre einer Buchhandlung und entdecken vielleicht deren Charme. Möglicherweise spüren aber Grossbuchhandlungen die Konkurrenz durch die marktführenden Onlinehändler noch eher stärker als wir «Kleinen». Und natürlich sind auch wir online, 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche erreichbar. Und in Sachen Lieferservice brauchen wir einen Vergleich nicht zu scheuen. In der Regel gilt: Heute bestellen, morgen abholen.

Ihre Buchhandlungen befinden sich zwar nicht direkt an der Grenze, aber wie schätzen Sie die Auswirkungen der Aufhebung des Euro-Mindestkurses für die Schweizer Buchbranche allgemein und für Ihre Buchhandlung im Besonderen ein?

Das ist natürlich ein unerfreuliches Thema, aber für uns (noch) nicht direkt lebensbedrohlich. In Bischofszell starten wir an zwei Tagen (7. und 21. Februar) die Aktion, dass man mit Euros, die z.B. aus den letzten Sommerferien noch zu Hause herumliegen, Bücher zum alten Wechselkurs kaufen kann. In Gossau gewähren wir im Februar einen Rabatt von 10% auf alle Bücher. Diese Aktionen haben eher eine psychologische Wirkung. Als grenznahe Region setzen wir natürlich alles daran, die Ostschweizer Kundschaft zum Einkauf in der Schweiz zu bewegen. Von daher tat es natürlich weh zu sehen, wie SBB und Reiseveranstalter Sonderfahrten über die Grenze angeboten und die Leute gerade dazu animiert haben, ennet der Grenze ihre Einkäufe zu tätigen. Aber erstaunlicherweise gab es auch die Gegenreaktion: An einem der letzten Tage durften wir in Gossau einen Ansturm fast wie in der Weihnachtszeit verzeichnen. Offenbar gibt es doch noch viele verantwortungsbewusste Leute. Diese Umkehrreaktion hat uns positiv überrascht.

Eine fast obligate Frage zu den neuen Medien, wie z.B. E-Reader: Ist der Verkauf solcher Geräte für euch ein Thema oder eher «Gift» für das papierene Buch?

Wir bieten diese Geräte an, und sie werden auch mit zunehmender Tendenz gekauft. Wir verdienen sogar ein wenig mit den Downloads der E-Books. Die Beratung, wie man den Reader anwendet, ist jedoch recht aufwändig. Wir haben in Bischofszell zwei Kurse dazu durchgeführt. Dass aber das analoge Buch durch E-Books gefährdet ist, glauben wir eher nicht. Die Leute kommen bei uns in der Buchhandlung vorbei, wollen sich so ein Gerät anschaffen, merken dann auch aber, dass nicht alles als E-Book zu haben ist. Sie sehen bei uns das eine oder andere Buch, das auch noch für sie interessant wäre.

Die Verleihung von Preisen können Bücher und ihre Autoren bei einer breiteren Öffentlichkeit ins Gespräch bringen. Idealerweise auch bei Leuten, die sich sonst nicht so für Bücher interessieren. Wäre ein Ostschweizer Buchpreis eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit für herausragende aktuelle Bücher von Schweizer bzw. regionalen Autorinnen und Autoren den Buchverkauf anzuregen?

Wir sind skeptisch, ob eine Ostschweizer Buchpreisverleihung für die lokalen Buchhandlungen in der Region eine Stimulanz darstellen würde. Aber ein «Preis für Buchschaffende», warum nicht. Dabei könnten Autoren, Buchhandlungen, Verlage etc. ausgezeichnet werden… Vital für uns ist die Frage, wie wir die Leute zum Lesen animieren können und sie dazu bringen, bei uns ein Buch zu kaufen. Dazu gibt es keine Patentlösungen, und so wird dies wohl ein Dauerthema bleiben. Da müssen wir manchmal erfinderisch sein – und das sind wir!

Das Interview führte Mark Besselaar, Mitarbeiter Geschäftsstelle Buchstadt St.Gallen

 

Die Buchhandlungen

Gutenberg Buchhandlung
Brigitta Vuilleumier Lüthi ist als Buchhändlerin eine «Spätberufene». Als ausgebildete Kindergärtnerin und Musikpädagogin hat sie mit 50 Jahren in der Buchhandlung Rösslitor eine Lehre als Buchhändlerin absolviert. 2011 hat sie mit ihrem Mann Clemens Lüthi die traditionsreiche Buchhandlung Cavelti in Gossau übernommen und führt sie zusammen mit vier Mitarbeiterinnen seither unter dem Namen Gutenberg Buchhandlung (www.gutbuch.ch) weiter.

Clemens Lüthi ist Architekt und war bis zu seiner Pensionierung bei der Stadt Gossau als Stadtplaner tätig. Er ist Mitinhaber der Gutenberg Buchhandlung und vor allem für die administrativen Belange und die Grosskundenbetreuung zuständig. Er war Mitinitiant des Vereins «Buchstadt St.Gallen».

Bücher zum Turm
Charlotte Kehl ist Buchhändlerin und Theater- und Musikpädagogin. Für ihren Traum – einen eigenen Buchladen – hat sie das Theater an den Nagel gehängt und 2007 in Bischofszell die Buchhandlung «Bücher zum Turm» eröffnet. Vor zweieinhalb Jahren ist als gleichberechtigte Partnerin Marion Herzog im Turm eingezogen. Marion Herzog ist Quereinsteigerin mit Matura, Handelsdiplom und grossem literarischem Background. Die beiden führen ihren Laden selbständig und unabhängig.

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